„Ich gehe nicht zugrunde, mein Junge. Im September stelle ich in Frankfurt etwa zwölf neue Bilder aus.“

„Das ist schon gut. Aber wie lang soll das so gehen? Es ist ja sinnlos ... Sag, Johann, warum hast du dich nicht von deiner Frau getrennt?“

„Das ist nicht so einfach ... Ich will dir erzählen. Es ist besser, wenn du das Ganze einmal in der rechten Ordnung erfährst.“

Er nahm einen Schluck Wein und blieb vorgebeugt im Stuhle sitzen, während Otto sich weiter vom Tische zurückzog.

„Daß ich mit meiner Frau von Anfang an Schwierigkeiten hatte, weißt du ja. Es ging ein paar Jahre lang, nicht gut und nicht schlecht, und vielleicht wäre damals noch allerlei zu retten gewesen. Aber ich konnte meine Enttäuschung zu wenig verbergen, und ich verlangte von Adele immer wieder gerade das, was sie nicht zu geben hatte. Schwung hat sie nie gehabt; sie war ernsthaft und schwerlebig, ich hätte das vorher wissen können. Sie konnte niemals fünf gerade sein lassen und sich mit Humor oder Leichtsinn über etwas Schweres weghelfen. Sie hatte meinen Ansprüchen und Launen, meiner ungestümen Sehnsucht und meiner schließlichen Enttäuschung nichts entgegenzusetzen als Schweigen und Geduld, eine rührende, stille, heldenhafte Geduld, die mich oft bewegte und mit der mir und ihr doch nicht geholfen war. War ich ärgerlich und unzufrieden, so schwieg sie und litt, und kam ich bald darauf mit dem Willen zu einem besseren Verständnis, bat ich sie um Verzeihung oder suchte ich sie in einer Stunde froher Laune mitzureißen, so ging es nicht, sie schwieg auch da und beharrte immer verschlossener in ihrem treuen, schwerfälligen Wesen. War ich bei ihr, so schwieg sie nachgiebig und ängstlich, sie nahm Zornausbrüche und lustige Stimmungen mit gleicher Gelassenheit hin, und war ich fort, so spielte sie für sich allein Klavier und dachte an ihre Mädchenzeit. So kam ich immer tiefer ins Unrecht und hatte schließlich eben auch nichts mehr zu geben und mitzuteilen. Ich fing an fleißig zu werden und habe so allmählich gelernt, mich in die Arbeit wie in eine Burg zu verschanzen.“

Offenbar gab er sich Mühe, ruhig zu bleiben. Er wollte erzählen, nicht anklagen, aber hinter den Worten stand fühlbar eben doch die Anklage, mindestens die Klage über die Zerstörung seines Lebens, über die Enttäuschung seiner Jugenderwartung und über die lebenslange Verurteilung zu einem halben, freudlosen, dem Innersten seiner Natur beständig widersprechenden Dasein.

„Schon damals dachte ich zuweilen daran, die Ehe wieder aufzulösen. Aber das war nicht so einfach. Ich war an Stillsitzen und Arbeit gewohnt und schreckte immer wieder vor dem Gedanken an Gerichte und Anwälte, vor dem Abreißen aller kleinen täglichen Lebensgewohnheiten zurück. Wenn mir damals eine neue Liebe in den Weg gekommen wäre, hätte ich den Entschluß leicht gefunden. Aber es zeigte sich, daß auch meine eigene Natur schwerfälliger war als ich dachte. Ich verliebte mich mit einem gewissen wehmütigen Neid in hübsche junge Mädchen, aber es ging nie tief genug und ich sah mehr und mehr, daß ich an keine Liebe mehr mich so weggeben könne, wie an meine Malerei. Alles Verlangen nach Austoben und Selbstvergessen, jeder Wunsch und jedes Bedürfnis richtete sich dahin, und wirklich habe ich in diesen vielen Jahren keinen einzigen neuen Menschen in mein Leben aufgenommen, keine Frau und keinen Freund. Du begreifst, ich hätte ja jede Freundschaft mit dem Bekenntnis meiner Schande beginnen müssen.“

„Schande?!“ sagte Burkhardt leise mit einem Ton des Tadels.

„Gewiß, Schande! So empfand ich es damals schon und das ist seither nicht anders geworden. Es ist eine Schande, unglücklich zu sein. Es ist eine Schande, sein Leben niemandem zeigen zu dürfen, etwas verbergen und bemänteln zu müssen. Genug davon! Ich will dir erzählen.“

Er starrte finster in sein Weinglas, warf die erloschene Zigarre weg und fuhr fort.