Burkhardt schwieg und hörte seinem Freunde zu, im Herzen voll Mitleid. Wie er mich anlügen will! dachte er mit heimlichem Lächeln. Wie er von Plänen und Arbeiten spricht! Früher tat er das nie. Es sah aus, als wolle er sorgfältig alles herzählen, woran er etwa noch Freude hatte und was ihn noch mit dem Leben versöhnte. Der Freund kannte ihn und kam ihm nicht entgegen. Er wußte, es konnte nicht lange mehr dauern, bis Johann das in Jahren Gehäufte von sich werfen und sich von einem unerträglich gewordenen Schweigen erlösen würde. So ging er abwartend mit scheinbarer Gelassenheit nebenher, immerhin traurig verwundert, daß auch ein so überlegener Mensch im Unglück kindlich werde und mit verbundenen Augen und Händen durch die Dornen wandle.
Als sie nach Roßhalde zurückkamen und nach Pierre fragten, hörten sie, er sei mit Frau Veraguth nach der Stadt gefahren, um Herrn Albert abzuholen.
Viertes Kapitel
Albert Veraguth ging heftig im Klavierzimmer seiner Mutter auf und ab. Er schien auf den ersten Blick dem Vater ähnlich, weil er dessen Augen hatte, glich aber weit mehr der Mutter, die an den Flügel gelehnt stand und ihm mit zärtlich aufmerksamen Augen folgte. Als er wieder an ihr vorüberkam, hielt sie ihn an den Schultern fest und wandte sein Gesicht zu sich her. Über seine breite, bleiche Stirn hing ein Büschel blonden Haares herein, die Augen glühten in knabenhafter Erregung und der hübsche volle Mund war zornig verzogen.
„Nein, Mama,“ rief er heftig und machte sich aus ihren Händen los, „du weißt, ich kann nicht zu ihm hinüber gehen. Das wäre eine ganz sinnlose Komödie. Er weiß, daß ich ihn hasse, und er selber haßt mich auch, du magst sagen, was du willst.“
„Hassen!“ rief sie mit leiser Strenge. „Laß doch solche Worte, die alles verzerren! Er ist dein Vater, und es gab eine Zeit, wo er dich sehr lieb gehabt hat. Ich muß es dir verbieten, so zu reden.“
Albert blieb stehen und sah sie funkelnd an.
„Du kannst mir die Worte verbieten, gewiß, aber was wird dadurch anders? Soll ich ihm denn etwa dankbar sein? Er hat dir dein Leben verdorben und mir meine Heimat, er hat aus unserer schönen, frohen, prächtigen Roßhalde einen Ort voll Unbehagen und Widerwärtigkeit gemacht. Ich bin hier aufgewachsen, Mutter, und es gibt Zeiten, da träume ich jede Nacht von den alten Stuben und Gängen hier, vom Garten und Stall und Taubenschlag. Ich habe keine andere Heimat, die ich lieben und von der ich träumen und nach der ich Heimweh haben kann. Und nun muß ich an fremden Orten leben und kann nicht einmal in den Ferien einen Freund hierher mitbringen, damit er nicht sieht, was für ein Leben wir hier führen! Und jeder, der mich kennen lernt und meinen Namen hört, stimmt sogleich ein Loblied auf meinen berühmten Vater an. Ach Mutter, ich wollte wir hätten lieber gar keinen Vater, und keine Roßhalde, und wären arme Leute, und du müßtest nähen oder Stunden geben und ich dir Geld verdienen helfen.“
Die Mutter ging ihm nach und nötigte ihn in einen Sessel, setzte sich auf seine Knie und strich ihm die verschobenen Haare zurecht.
„So,“ sagte sie mit ihrer ruhigen tiefen Stimme, deren Ton ihm Heimat und Hort bedeutete, „so, nun hast du mir ja alles gesagt. Es ist manchmal ganz gut, sich auszusprechen. Man muß die Dinge kennen, die man zu ertragen hat. Aber man muß das, was weh tut, nicht aufwühlen, Kind. Du bist jetzt schon so groß wie ich und bist bald ein Mann, und darauf freue ich mich. Du bist mein Kind und sollst es bleiben, aber sieh, ich bin viel allein und habe allerlei Sorgen, da brauche ich auch einen richtigen, männlichen Freund, und der sollst du sein. Du sollst mit mir vierhändig spielen und mit mir im Garten gehen und nach Pierre sehen, wir wollen schöne Ferien miteinander haben. Aber du sollst nicht Lärm machen und es mir noch schwerer machen, sonst muß ich denken, du seiest eben doch noch ein halber Knabe und es werde noch lange dauern, bis ich endlich einen klugen Freund bekomme, den ich doch so gerne hätte.“