Er war längst zu Bette und seit elf Uhr war im Herrenhaus das letzte helle Fenster erloschen. Da kam, spät nach Mitternacht, Johann Veraguth allein zu Fuße aus der Stadt zurück, wo er mit Bekannten den Abend im Wirtshaus zugebracht hatte. Beim Gang durch die laue, wolkige Frühsommernacht war die Atmosphäre von Wein und Rauch, von erhitztem Gelächter und verwegenen Witzen von ihm abgefallen, er atmete bewußt die leicht gespannte, feuchtwarme Nachtluft und schritt aufmerksam auf der Straße zwischen schon hochstehenden, dunkeln Getreidefeldern der Roßhalde entgegen, deren hohe Wipfelmassen groß und still im bleichen nächtlichen Himmel standen.

Er ging am Eingang des Gutes vorbei, ohne einzutreten, sah einen Augenblick nach dem Herrenhaus hinüber, dessen lichte Fassade edel und lockend vor der schwarzen Baumfinsternis schimmerte, und betrachtete das schöne Bild minutenlang mit dem Genuß und mit der Fremdheit eines vorüberkommenden Wanderers; dann ging er noch ein paar hundert Schritte die hohe Hecke entlang bis zu der Stelle, wo er sich einen Durchschlupf und heimlichen Waldweg zum Atelier bereitet hatte. Mit wachen Sinnen schritt der kräftige, kleine Mann durch den finsteren, waldig verwilderten Park seiner Wohnstätte zu, die plötzlich vor ihm lag, da, wo die Wipfelfinsternis über dem See auseinandergezogen erschien und im weiten Rund der matte graue Himmel sichtbar wurde.

Der kleine See stand fast schwarz in vollkommener Stille, nur wie eine unendlich dünne Haut oder ein feiner Staub lag das schwache Licht über dem Wasser. Veraguth sah auf die Uhr, es war bald eins. Er schloß eine Seitentür des kleinen Gebäudes auf, die in seinen Wohnraum führte. Hier zündete er eine Kerze an und legte rasch die Kleider ab, trat nackt ins Freie hinaus und stieg langsam die breiten flachen Steinstufen hinab in das Wasser, das vor seinen Knien in kleinen, weichen Ringen flüchtig aufblinkte. Er tauchte unter, schwamm eine kleine Strecke weit in den See, fühlte plötzlich die Müdigkeit nach einem ungewohnt verbrachten Abend, kehrte um und trat triefend ins Haus. Er warf einen zottigen Bademantel um, strich das Wasser aus seinen kurz geschorenen Haaren und ging barfuß über einige Stufen zum Atelier hinauf, einem ungeheuren fast leeren Raum, wo er alsbald mit einigen ungeduldigen Bewegungen alle elektrischen Lichter andrehte.

Hastig lief er zu einer Staffelei, wo eine kleine Leinwand stand, seine Arbeit der letzten Tage. Mit auf die Knie gestützten Händen stellte er sich gebückt vor dem Bilde auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Fläche, deren frische Farben das grelle Licht spiegelten. So verharrte er zwei, drei Minuten, schweigend und starrend, daß die Arbeit bis zum letzten Pinselstrich ihm wieder lebendig in den Augen stand; es war seit Jahren seine Gewohnheit, vor Arbeitstagen keine andere Vorstellung mit ins Bett und in den Schlaf zu nehmen, als die des Bildes, an dem er malte. Er löschte die Lichter, griff nach der Kerze und ging zum Schlafzimmer, an dessen Türe eine kleine Schreibtafel und Kreide angehängt war. „Sieben Uhr wecken, Kaffee neun Uhr“ schrieb er mit starken römischen Buchstaben darauf; schloß die Türe hinter sich und legte sich ins Bett. Mit offenen Augen lag er noch eine kurze Weile bewegungslos und zwang mit Anstrengung das Bild seiner Arbeit vor seine Sinne. Damit gesättigt schloß er die klaren grauen Augen, seufzte leise auf und fiel rasch in den Schlaf.

Am Morgen weckte ihn Robert zur bestimmten Zeit, er erhob sich sofort, wusch sich in einem kleinen Nebenraum im fließenden kalten Wasser, schlüpfte in einen groben, stark verwaschenen Anzug von grauem Leinen und ging ins Atelier hinüber, dessen mächtige Rolladen der Diener schon aufgezogen hatte. Auf einem kleinen Tischchen stand ein Teller voll Obst, eine Wasserkaraffe und ein Stück Roggenbrot, das er nachdenklich in die Hand nahm und anbiß, während er sich vor die Staffelei stellte und sein Bild betrachtete. Er aß im Auf- und Abschreiten ein paar Bissen Brot, fischte ein paar Kirschen aus dem Glasteller, sah einige Briefe und Zeitungen daliegen, die er nicht beachtete, und saß gleich darauf gebannt im Feldstuhl vor der Arbeit.

Das kleine Bild in Breitformat stellte eine Morgenfrühe dar, wie sie der Maler vor einigen Wochen auf einer Reise gesehen und in mehreren Skizzen notiert hatte. Er war in einem kleinen Landwirtshause am Oberrhein abgestiegen, hatte den Kollegen, den er am Ort besuchen wollte, nicht angetroffen, einen unerfreulichen Regenabend in der qualmigen Wirtsstube und eine schlechte Nacht in einem kalkig-modrig riechenden feuchten Gastzimmerchen verbracht. Noch vor Sonnenaufgang aus seichtem Schlummer heiß und übellaunig erwacht, hatte er die Haustüre noch verschlossen gefunden, war durch ein Fenster der Wirtsstube ins Freie gestiegen, hatte nebenan am Rheinufer einen Kahn losgemacht und war in den schwach strömenden, noch dämmerigen Fluß hinausgerudert. Eben als er umkehren wollte, sah er vom jenseitigen Ufer her einen Ruderer sich entgegenkommen, das schwach zuckende kalte Licht des milchig regnerischen Tagesanbruchs umfloß den dunkeln Umriß und ließ das Fischerboot übermäßig groß erscheinen. Von dem Anblick und dem eigentümlichen Licht plötzlich getroffen und innerlichst gefesselt, hatte er halt gemacht und den Mann näherkommen lassen, der bei einem schwimmenden Netzzeichen anhielt und eine Reuse aus dem kühlen Wasser emporzog. Zwei breite mattsilbrige Fische kamen zum Vorschein, naßglänzend schimmerten sie einen Augenblick über dem grauen Strome und fielen mit einem schnalzenden Klang in des Fischers Boot. Veraguth hatte alsbald den Mann warten heißen, das notdürftigste Malzeug geholt und eine Skizze in Wasserfarben gemacht, war einen Tag am Ort geblieben, zeichnend und lesend, und hatte andern Tages in der Frühe nochmals draußen gemalt, war weiter gereist und hatte sich seither immer wieder in Gedanken von dem Bilde beschäftigt und gequält gesehen, bis es Form gewann, und nun saß er seit Tagen daran und war nahezu fertig geworden.

Ihm, der am liebsten bei voller Sonne oder auch im warmen, gebrochenen Wald- und Parklicht malte, hatte die flutende Silberkühle des Bildes viel zu schaffen gemacht, aber sie hatte ihm einen neuen Klang gegeben, gestern war die Lösung vollends geglückt und nun fühlte er, daß er vor einer guten, ungewöhnlichen Arbeit saß, bei der es nicht im Festhalten und löblichen Abschildern sein Bewenden hatte, sondern wo ein Augenblick aus dem gleichgültigen rätselhaften Sein und Geschehen der Natur die gläserne Oberfläche durchbrach und den wilden großen Atem der Wirklichkeit spüren ließ.

Mit aufmerksamen Augen hing der Maler an dem Bilde und wog die Töne auf der Palette, die seiner gewohnten kaum mehr glich und fast alle roten und gelben Farben verloren hatte. Das Wasser und die Luft war fertig, es rann ein fröstelnd kaltes, unwilliges Licht über die Fläche, schattenhaft schwammen Gebüsche und Pfähle des Ufers in der feuchten, fahlen Dämmerung, unwirklich und aufgelöst stand der grobe Kahn im Wasser, auch das Gesicht des Fischers war ohne Wesen und Sprache, nur seine ruhig nach den Fischen greifende Hand war voll unerbittlicher Wirklichkeit. Das eine von den Tieren sprang glitzernd über den Rand des Bootes, das andere lag flach und still, und sein geöffnetes rundes Maul und erschrocken starres Auge war voll vom Weh der Kreatur. Das Ganze war kalt und beinahe bis zur Grausamkeit traurig, aber still und unangreifbar und ohne eine andere Symbolik als jene einfache, ohne die kein Kunstwerk sein kann und die uns die bedrückende Unbegreiflichkeit der ganzen Natur nicht nur fühlen, sondern mit einem gewissen süßen Erstaunen lieben läßt.

Als der Maler wohl zwei Stunden an der Arbeit gesessen hatte, klopfte der Diener und trat auf den zerstreuten Anruf seines Herrn mit dem Frühstück herein. Er trug leise die Kannen, Tasse und Teller auf, rückte einen Stuhl zurecht, wartete eine Weile schweigend und mahnte dann vorsichtig: „Es ist eingeschenkt, Herr Veraguth.“

„Ich komme,“ rief der Maler und rieb einen Pinselstrich, den er soeben am Schwanz des springenden Fisches gemacht hatte, mit dem Daumen wieder weg. „Ist warmes Wasser da?“