Veraguth ging mit langsamen Schritten durch seine Werkstatt, durch den Wohn- und Schlafraum, dann ins Freie, um den Weiher und durch den Park. So war er hundertmal hier umhergegangen, aber heute schien ihm alles, Haus und Garten, See und Park vor Einsamkeit widerzuhallen. Der Wind blies kalt im schon vergilbenden Laube und führte in niedrig hängenden Zügen neue wollige Regenwolken heran. Der Maler schauerte fröstelnd zusammen. Nun war niemand mehr da, für den er zu sorgen, auf den er Rücksicht zu nehmen, vor dem er Haltung zu bewahren hatte, und nun erst fühlte er in frierender Einsamkeit die Sorgen und Nachtwachen, das zitternde Fieber und die ganze zerrüttende Ermüdung dieser letzten Zeit. Er fühlte sie nicht nur in Kopf und Gliedern, er empfand sie noch tiefer im Gemüt. Da waren die letzten spielenden Lichter von Jugend und Erwartung ausgelöscht; aber er fühlte die kühle Isoliertheit und grausame Nüchternheit nicht wie ein Schrecknis.

Unbeirrt suchte er, durch die nassen Wege weiterschlendernd, die Fäden seines Lebens zurückzuverfolgen, deren einfaches Gewebe er nie so klar und befriedigt überschaut hatte. Und er stellte ohne Erbitterung fest, daß er alle diese Wege in Blindheit gegangen sei. Er war, das sah er genau, trotz allen Versuchen und trotz aller nie ganz erloschenen Sehnsucht am Garten des Lebens vorübergegangen. Er hatte niemals in seinem Leben eine Liebe bis zum letzten Grunde erlebt und gekostet, nie bis in diese letzten Tage. Da hatte er am Bett seines sterbenden Knaben, allzu spät, seine einzige wahre Liebe erlebt, da hatte er zum erstenmal sich selbst vergessen, sich selbst überwunden. Das würde nun für immer sein Erlebnis und sein armer kleiner Schatz bleiben.

Was ihm blieb, das war seine Kunst, der er sich nie so sicher gefühlt hatte wie eben jetzt. Ihm blieb der Trost der Draußenstehenden, denen es nicht gegeben ist, das Leben selber an sich zu reißen und auszutrinken; ihm blieb die seltsame, kühle, dennoch unbändige Leidenschaft des Sehens, des Beobachtens und heimlich-stolzen Mitschaffens. Das war der Rest und der Wert seines mißglückten Lebens, diese unbeirrbare Einsamkeit und kalte Lust des Darstellens, und diesem Stern ohne Abwege zu folgen, war nun sein Schicksal.

Er atmete tief die feuchte, bitter duftende Parkluft, und bei jedem Schritt meinte er die Vergangenheit von sich zu stoßen wie einen unnütz gewordenen Kahn vom erreichten Ufer. In seiner Prüfung und Erkenntnis war nichts von Resignation; voll Trotz und unternehmender Leidenschaft sah er dem neuen Leben entgegen, das kein Tasten und dämmerndes Irren mehr sein durfte, sondern ein steiler, kühner Weg bergan. Später und bitterer vielleicht, als Männer sonst es tun, hatte er von der süßen Dämmerung der Jugend Abschied genommen. Jetzt stand er arm und verspätet im hellen Tag, und von dem gedachte er keine köstliche Stunde mehr zu verlieren.

Ende

Werke
von
Hermann Hesse

Peter Camenzind

Roman. Fünfundsechzigste Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

Unterm Rad

Roman. Neunzehnte Auflage. Geheftet 3.50 Mark, in Leinen 4.50 Mark.