»Na, wir wollen nicht streiten. Ich muß jetzt gehen, es werden noch Sachen gekauft und weiß Gott was. Die Oper schickst du bald, nicht wahr? Schick sie an mich, dann bring ich sie unserem Alten selber. Ja, und eh' ich Hochzeit mache, sollten wir zwei doch noch einmal einen Abend für uns haben. Vielleicht morgen? – Gut, auf Wiedersehen!«

Da war ich wieder im alten Kreise und brachte die Nacht in hundertmal gedachten Gedanken und hundertmal gekosteten Leiden hin. Am nächsten Tage ging ich zu einem mir bekannten Organisten und bat ihn, für die Muothsche Hochzeit mein Vorspiel zu übernehmen. Nachmittags ging ich mit Teiser zum letztenmal meine Ouvertüre durch. Und am Abend fand ich mich in Heinrichs Gasthof ein.

Da fand ich ein Zimmer mit einem Kaminfeuer und Kerzenlicht für uns bereitet, einen weißgedeckten Tisch mit Blumen und Silbergeschirr, und Muoth wartete schon auf mich.

»So, Junge,« rief er, »nun wollen wir Abschied feiern, mehr für mich als für dich. Gertrud läßt dich grüßen, wir wollen heut ihre Gesundheit trinken.«

Wir schenkten unsere Gläser voll und tranken schweigend aus.

»So, und jetzt wollen wir nur noch an uns selber denken. Die Jugend will zur Neige gehen, Lieber, spürst du's nicht auch? Sie soll ja das schönste am Leben sein. Ich hoffe, es sei ein Schwindel wie alle diese beliebten Sprüche. Das Beste muß doch erst kommen, sonst war das Ganze nicht recht der Mühe wert. Wenn deine Oper gespielt wird, reden wir weiter darüber.«

Wir aßen behaglich und tranken einen schweren Rheinwein dazu, nachher legten wir uns mit Zigarren und Champagner in den tiefen Ecksesseln zurück und es kam mir und ihm für eine Stunde die alte Zeit herauf, die redselige Lust am Plänebauen und Plaudern, wir blickten einander sorglos nachdenklich in aufrichtige Augen und waren miteinander zufrieden. Heinrich war in solchen Stunden gütiger und zarter als sonst, er kannte die Flüchtigkeit solcher Lust genau und hielt sie, so lange die Stimmung lebendig bleiben wollte, behutsam in schonenden Händen fest. Leise und lächelnd sprach er von München, erzählte kleine Bühnengeschichten und übte seine alte feine Kunst, Menschen und Verhältnisse in kurzen klaren Worten zu zeichnen.

Als er so seinen Dirigenten, seinen Schwiegervater und andere spielend und scharf, doch ohne Bosheit charakterisiert hatte, trank ich ihm zu und fragte: »Nun, und was sagst du zu mir? Hast du für Leute meiner Art auch so eine Formel?«

»O ja,« nickte er gelassen und richtete die dunklen Augen auf mich. »Du bist in allem der Typus des Künstlers. Ein Künstler ist ja nicht, wie die Philister meinen, ein fideler Herr, der aus lauter Übermut hie und da Kunstwerke hinschmeißt, sondern leider meistens ein armer Tropf, der an einem unnützen Reichtum erstickt und darum was von sich geben muß. Es ist nichts mit der Sage vom glücklichen Künstler, das ist lauter Philistergeschwätz. Der fidele Mozart hat sich mit Champagner aufrecht gehalten und dafür Mangel an Brot gelitten, und warum Beethoven sich nicht in jungen Jahren schon das Leben genommen, sondern statt dessen diese herrlichen Sachen geschrieben hat, das weiß kein Mensch. Ein anständiger Künstler hat im Leben unglücklich zu sein. Wenn er Hunger hat und seinen Sack aufmacht, so sind immer bloß Perlen drin!«

»Ja, wenn man ein bißchen Freude und Wärme und Anteil am Leben begehrt, da helfen einem ein Dutzend Opern und Trios und solche Sachen freilich nicht viel.«