Den Bildern der Zwerge, die durch ihren Witz den König und die Großen des Hofes unterhielten, reihen sich diejenigen von bedauernswerten Geschöpfen an, die durch ihre natürliche Torheit zur Belustigung dienten. Da ist „Das Kind von Vallecas“, ein Kretin, mit einer schrecklichen Wahrheit in jeder Einzelheit der Form, des Ausdrucks und der Bewegung gemalt, dabei ein Meisterwerk der Farbenstimmung. Ferner „Der Dumme von Coria“, noch meisterhafter gemalt als jenes, ein Blödsinniger, der lustig ist und ohne Grund lacht. Man kann sich nicht leicht etwas Schrecklicheres für die Darstellung denken, als diese häßlichen, armen Geschöpfe. Wie groß ist die Macht einer Kunst, die so vollkommen ist, daß sie auch diesen Darstellungen Schönheit zu verleihen vermag!
Erfreulicher für den heutigen Beschauer ist jedenfalls der Anblick derjenigen „lustigen Personen“, die sich wenigstens im Besitze der Gesundheit und wohlgewachsener Gliedmaßen befinden. Da ist Pablillos von Valladolid, ein stattlicher Mann, der in spreizbeiniger Stellung, das Mäntelchen wie eine Toga umgenommen, wie ein Redner gestikuliert; seine dunklen Augen blicken stier, wie die eines Berauschten — man weiß nicht, ist er klug oder dumm, oder hat man ihn, was zu den beliebten Scherzen des Hofes gehörte, betrunken gemacht. Die ganze Gestalt wirkt unsagbar lebendig, man glaubt den blechernen Klang der Stimme des Schwatzenden zu vernehmen ([Abb. 28]). Dann Christóbal de Pernia, der oberste der Hofnarren, der sich nicht davor fürchtete, seinen Witz auch an dem gefährlichen Olivares auszulassen, und der den Mut und die Kraft besaß, als Stierkämpfer aufzutreten. Er erscheint in einem mit höchster Schnelligkeit gemalten und unfertig gelassenen, trotzdem aber mächtig wirkenden Bilde entsprechend seinem Beinamen „Barbarroja“ in der Maske des wilden Seeräubers Barbarossa. In türkischer Kleidung, rot mit weißem Mantel, steht er mit gezogenem Schwert da, und der zornige Ausdruck seines Gesichts, dem der große graue Schnurrbart und der kurze Backenbart ein für die Zeit sehr fremdartiges Aussehen geben, scheint einen unsichtbaren Gegner zum Kampf herauszufordern.
Als „Don Juan de Austria“ parodiert ein anderer Hofnarr den durch seinen großen Seesieg über die Türken berühmten Sohn Karls V. ([Abb. 29]). Daß dieser Großoheim von unrechtmäßiger Herkunft für Philipp IV. ein Gegenstand des Spottes sein konnte, braucht nicht zu befremden. Von am Boden liegenden Waffen umgeben, steht „Don Juan de Austria“ in der Tracht aus Großvaters Zeit da, die Linke am Degengefäß, in der Rechten einen großen Stab. Im Hintergrund ist mit ein paar scherzhaften Strichen die Schlacht bei Lepanto angedeutet: ein Durcheinander von Feuer und Rauch, man darf sich in Brand geschossene und in die Luft fliegende türkische Kriegsschiffe darunter vorstellen. Das Bild ist ebenfalls sehr schnell gemalt — diese Art von Personen gewährten wohl keine langen Sitzungen —, nur der Kopf ist fertig ausgeführt. Aber ganz vollendet ist es in malerischer Hinsicht, prachtvoll im Ton. Das Bild eines Narren soll selbstverständlicherweise Komik enthalten. Hier liegt das Komische der Wirkung schon in dem Gegensatz zwischen der vornehmen Kleidung und der sehr wenig vornehmen Gestalt ihres Trägers. Ein Mann von ungelenker Haltung, mit dünnen, wadenlosen Beinen und großen Plattfüßen, der auf seinem steifen, plumpen Rumpf einen Kopf mit schlecht rasierten Wangen, mächtigem Schnauzbart, breiter gedrückter Nase und klug tuenden kleinen Augen trägt, — in würdevollem, altmodischem Anzug aus prächtig wirkenden schwarzen und hellkarminfarbigen Stoffen, wie ihn wohl ein Heerführer Philipps II. hätte tragen können: eine solche Erscheinung mußte am Hofe Philipps IV. schon durch ihren bloßen Anblick die Lachlust erwecken. Für uns geht natürlich derjenige Teil der Wirkung verloren, der für den zeitgenössischen Beschauer darin bestand, daß die Kleidung, die vor einigen Jahrzehnten aus der Mode gekommen war, eben dadurch schon an und für sich lächerlich erschien. In Kleidersachen mißfällt bekanntlich das jüngst Veraltete immer am meisten. Heutzutage haben wir keine Veranlassung, die Tracht aus der Zeit Philipps IV. für kleidsamer zu halten, als diejenige aus der Zeit seines Großvaters.
Abb. 27. König Philipp IV., gemalt im Quartier zu Fraga 1644.
In der Dulwich-Galerie zu London. (Zu [Seite 32].)
Als der König im Jahre 1645 sich abermals nach Saragossa begab, nahm er den Infanten Baltasar Carlos mit, damit dieser in seiner Eigenschaft als Thronerbe die Huldigung der aragonischen Stände entgegennähme. Der Kronprinz war in guter Gesundheit herangewachsen. Das im Pradomuseum befindliche letzte Bildnis, welches Velazquez nach ihm malte, zeigt ihn als einen geweckt aussehenden schlanken Knaben im Alter von vierzehn bis fünfzehn Jahren; die in Schwarz gekleidete Figur steht auf einem dunkelgrauen Hintergrund, den nur ein auf die Lehne des seitwärts stehenden Stuhls herabfallender roter Sammetvorhang belebt, und bei der äußersten Einfachheit der Wirkung prangt das Bild doch wieder in einem vornehmen Velazquezschen Ton, durch den es zwischen allen anderen Gemälden sich schon von weitem als ein Werk des Meisters kenntlich macht. Bei jener Reise nach Aragonien ließ der König zum Andenken an die Anwesenheit des Kronprinzen ein Bild der Stadt Saragossa malen. Mazo, der Schwiegersohn des Velazquez, wurde mit dieser Aufgabe betraut, und Don Baltasar Carlos selbst bestimmte den Standpunkt, von dem aus die Ansicht aufgenommen werden sollte. Dieses Bild des Mazo, jetzt im Pradomuseum befindlich, zeigt unter duftig bewölktem Himmel die Stadt in hellem Lichte jenseits des Ebro. Der Vordergrund ist durch eine buntfarbige Menge von Figuren belebt, in deren meisterhafter Ausführung man wohl mit Gewißheit die Hand des Velazquez erkennen darf. — Als ein Studienblatt zu derartiger Staffierung eines vorwiegend landschaftlichen Gemäldes — sei es eine Stadtansicht, wie die von Saragossa, sei es eine Schilderung einer als öffentliches Schauspiel dienenden Hofjagd, wie Velazquez deren mehrere für den König malte, — muß man die Zusammenstellung von dreizehn spanischen Kavalieren auf einer kleinen Leinwand ansehen, die sich im Louvre befindet und mit den Titeln „Die Unterhaltung“ oder, unbegreiflicherweise, „Künstlervereinigung“ bezeichnet wird; die Tracht der Dargestellten weist auf die Zeit gegen 1640 ([Abb. 30]).
Abb. 28. Bildnis eines Hofnarren Philipps IV., genannt
Pablillos de Valladolid. Im Pradomuseum zu Madrid. (Zu [Seite 34].)
Dem Prinzen Baltasar Carlos war es nicht beschieden, die großen Hoffnungen, die man auf ihn setzte, zu erfüllen. Nachdem er im Alter von siebzehn Jahren mit seiner um sechs Jahre jüngeren Base Erzherzogin Maria Anna von Österreich, der Tochter des Deutschen Kaisers, verlobt worden war, starb er bald darauf an einem Fieber, im Oktober 1646. Sechs Monate später verlobte sich König Philipp IV., der seit dem Herbst 1644 Witwer war, mit der früheren Braut seines Sohnes. Die Vermählung wurde bis zum Jahre 1649, wo die Erzherzogin ihr vierzehntes Lebensjahr vollendete, hinausgeschoben.