III.

Rückgang der Zuckerpreise und der Tabaksindustrie.

Weitere Schwierigkeiten für die Kulturentwickelung Cubas und für die volle Geltendmachung der ihm inne wohnenden Fähigkeiten haben sich aus der fortschreitenden Entwertung seiner beiden Hauptstapelerzeugnisse ergeben. Dem Rohrzucker ist in dem Rübenzucker ein übermächtiger Konkurrent erstanden, und die Zuckerpreise sind dadurch gegen früher auf ihren vierten oder fünften Teil gesunken. Den Pflanzern blieb dabei ein spärlicher oder unter Umständen wohl gar kein Gewinn, und viele würden die Kultur sicherlich ganz aufgeben, wenn sie sich nicht durch die beschriebenen Arbeiterverhältnisse und durch den aufgebotenen kostspieligen Apparat der Maschinen und Baulichkeiten gezwungen sähen, auf der einmal betretenen Bahn zu beharren. Hat doch die Einrichtung mancher cubanischer Ingenios mehr als eine Million Dollars gekostet. Wie ungünstig die Notlage der Pflanzer auf die Lage der übrigen Volksklassen, und besonders auf die Lage des weißen und farbigen Proletariats zurückwirkte, ist aber ohne weiteres zu ermessen: die Löhne der Pflanzungsarbeiter wurden niedrigere, der Luxus und der Geldaufgang in den Städten schwand, es bot sich in Land und Stadt seltener Arbeitsgelegenheit, und die Zahl der Bettler und Desperados mehrte sich in erschreckender Weise. Das war auf den anderen westindischen Zuckerinseln, und vor allem auf denen, die der britischen Krone unterstehen — auf St. Christopher, Antigua, Barbados u. s. w. — genau ebenso. Dort betraf die allgemeine Verarmung aber viel kleinere Volksmassen, deren Klagen leichter überhört wurden und denen es zu bedrohlichen politischen Demonstrationen sowie zu bewaffneten Aufständen gegen das vermeintliche oder wirkliche Mißregiment an der Kraft fehlte. Auf Cuba war das anders, und dort hat die Zuckerkrise zweifellos ganz wesentlich mit dazu beigetragen, daß der letzte Aufstand die bekannte gewaltige und für Spanien verhängnisvolle Ausdehnung angenommen hat.

Nicht viel besser als um die Zuckerindustrie war es übrigens in den letzten Jahrzehnten um die cubanische Tabakindustrie bestellt, und an diesem Erwerbszweige hing ebenfalls unmittelbar oder mittelbar das Wohl und Wehe von einem starken Bruchteile der Inselbevölkerung. Das Volumen der Ernte und die Güte des Erzeugnisses hielt sich zwar trotz der Erschöpfung weiter Anbaustrecken im allgemeinen auf der alten Höhe, die damit erzielten Preise wurden aber durch die Konkurrenz anderer Tabakländer (Sumatras, Manilas, Mexicos) immer gedrückter, und dem zu Cigarren und Cigaretten verarbeiteten Kraut wurden durch die Schutzzollsätze der Absatzgebiete (der Vereinigten Staaten, Deutschlands u. s. w.) in beträchtlichem Umfange der Eingang verwehrt, so daß die Zahl der ausgeführten Cubacigarren von 250,5 Millionen im Jahre 1889 auf 147,4 Millionen im Jahre 1893 sank. Dabei war die Tabakbauerbevölkerung sowie auch die Cigarrenarbeiterbevölkerung von jeher eine ganz besonders stark zur Illoyalität geneigte Volksklasse, und Tabakunruhen sind bereits in den ersten Jahrzehnten des XVIII. Jahrhunderts zu verzeichnen gewesen.

Abb. 22. Eine Estancia.

Wachsen der Schulden.

Sehr schlimm war es sodann für Cuba und seine Bewohner und Herren, daß durch die wiederholten Aufstände und namentlich durch den langwierigen Bürgerkrieg der sechziger und siebziger Jahre eine ungeheure öffentliche Schuldenlast (gegen 750 Millionen Mark) auf die Insel gehäuft wurde und daß die Verzinsung dieser Schuld zusammen mit dem Aufwande für das Verteidigungswesen (1894: 77,6 Millionen Mark) den weitaus größten Teil der öffentlichen Einnahmen (1894: 80 Millionen Mark) verschlang. Für öffentliche Kulturarbeiten und Verbesserungen jeder Art blieb auf diese Weise so gut wie gar nichts übrig, und vor allen Dingen hatte man sowohl von der Anlage eines guten Landstraßennetzes als auch von dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes abzustehen — von der sehr wünschenswerten und technisch ohne erhebliche Schwierigkeit ausführbaren Kanaldurchstechung an dem niedrigen Isthmus von Moron zu geschweigen. Und doch hätte man hierin das allerbeste Mittel gewonnen, das danieder liegende Wirtschaftsleben unmittelbar kräftig zu fördern, das Banditenwesen auszurotten, aufständischen Bewegungen wirksam zu begegnen und den inneren Frieden nach allen Richtungen hin zu befestigen. Gewisse Landungserleichterungen hätten gleichfalls not gethan, obgleich Cuba mit Naturhäfen so wohl ausgestattet ist, wie kaum ein anderes Land der Erde, und desgleichen auch gewisse Stromkorrekturen und Schutzdammbauten gegen die Überschwemmungen der Regenzeit, die Entwässerung großer Sumpfstrecken, die systematische Sanierung der Städte und dergleichen, und auch diese Ameliorationen hätten mancherlei dazu beitragen können, eine mit ihrem Schicksal zufriedene und zum Aufruhr weniger geneigte Bevölkerung zu schaffen. Dazu hatte die öffentliche Schuld natürlich einen starken Steuerdruck zur Folge, und wenn derselbe auch in der Gestalt direkter Abgaben nicht sehr empfindlich war, so war er es doch in der Gestalt hoher Eingangszölle auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse. Beispielsweise hatte das Weizenmehl dadurch in Cuba nahezu einen dreifach so hohen Preis als in der Nordamerikanischen Union.