Wie bei solcher Übereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft mitten durch die weiße Bevölkerung Cubas hindurchgehen kann, mag auf den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Thatsache läßt sich aber nicht leugnen und auch die andere Thatsache nicht, daß die Kluft sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat, die materielle und geistige Kulturentwickelung Cubas zum Stillstand und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammenbruche zu bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch in der Nordamerikanischen Union — die in beträchtlichem Umfange bis auf den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist —, bildet sich verhältnismäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Geborenen und den Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach als „Grüne“ oder „Gringos“ mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den wirtschaftlichen „Kampf ums Dasein“ zu einem härteren und schwierigeren machen. In Cuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der Velasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit gediehen, als anderweit.

Abb. 15. Stierfechter (Banderillero).

Das Klima Cubas.

Das cubanische Klima weicht zwar in dem größeren Teile der Insel (im ganzen Westen und Norden) nicht unwesentlich von dem Typus des normalen Tropenklimas ab, insofern als die von Nordamerika hereinbrechenden Nordwestwinde („Nortes“) öfters eine starke Abkühlung mit sich bringen — in den höher gelegenen Teilen des westlichen Binnenlandes gelegentlich bis zur Rauchfrostbildung —, und eben dadurch hat es die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen in einem höheren Maße begünstigt, als irgendwo sonst zwischen den Wendekreisen. Immerhin wirkt das Klima außerordentlich erschlaffend auf die Nerven sowie auf den ganzen Organismus. Das kann jeder, der Cuba besucht, an sich selbst wohl genug erfahren, auch wenn er sich nur kurze Zeit daselbst aufhält. Ist doch die Durchschnittstemperatur des Januar (22,2° C) in Habana immer noch 3,2° wärmer als die Temperatur des Juli in Berlin, die Durchschnittstemperatur des Juli (28°) aber wenigstens noch 0,2° wärmer als in New Orleans, und geht doch mit den hohen Hitzegraden an den meisten Tagen des Jahres, vor allen Dingen aber in der Regenzeit (Mai bis November), eine große relative Luftfeuchtigkeit und eine starke elektrische Spannung Hand in Hand.

Wirkungen des Klimas.

Die in dem Lande geborenen Kaukasier — die Kreolen oder die „Cubanos“ schlechthin — erscheinen unter der Herrschaft dieses Klimas im großen Ganzen als ein schwächlicher Menschenschlag, dem Thatkraft, Arbeitslust, Unternehmungsgeist und offener Mut in einem hohen Grade abgeht, während ihm nicht ohne Grund Arglist und Heimtücke, sowie Hang zu privater und politischer Ränkespinnerei nachgesagt wird. Am ehesten noch dürfte man vielleicht hinsichtlich der Frauen behaupten, daß durch die veränderten geographischen Verhältnisse eine Veredelung des spanischen Typus herbeigeführt worden sei. Von ihnen werden aber auch andere Eigenschaften erwartet als von den Männern, und in dem Schatten der Häuser und Söller vermögen sich dieselben den klimatischen Einflüssen wenigstens teilweise besser zu entziehen als jene. Und Trägheit sowie Mangel an geistigem Bildungstrieb macht man den mit sanften Glutaugen, vollen Körperformen und üppigem Haarwuchs ausgestatteten Kreolinnen ebenfalls zum Vorwurfe. Übrigens giebt es natürlich unter den Männern ebenso wie unter den Frauen glänzende Ausnahmen von der allgemeinen Regel, in den meisten Fällen handelt es sich dabei aber um Persönlichkeiten, die in der glücklichen Lage waren, zeitweise unter einem außertropischen Himmelsstriche — in Spanien oder in Nordamerika — zu leben und daselbst ihre Spannkraft mehr oder minder vollständig zurückzugewinnen.

Abb. 16. Zapateado.

Die neuen Ankömmlinge aus Spanien, die in den letzten Jahrzehnten namentlich aus den Baskenprovinzen, aus Asturien, aus Galicien und aus Catalonien in beträchtlicher Zahl ins Land kamen, zeichnen sich, wie es bei den Auswanderern über See ziemlich allgemein der Fall zu sein pflegt, sowohl durch robuste Körperkraft als auch durch Willensstärke aus, und zugleich sind sie außerordentlich erwerbslustig und betriebsam, während sie betreffs ihrer geistigen Bildung und betreffs ihrer ethischen Grundsätze in vielen Fällen keineswegs auf einer sehr hohen Stufe stehen. Dem Klima zahlen sie ihren Tribut in den ersten Jahren ihrer cubanischen Existenz vornehmlich damit, daß sie von den bekannten Akklimatisationskrankheiten des Gelb- und Malariafiebers betroffen und zum Teil dahingerafft werden: soweit sie dieselben überstehen, bewähren sie sich aber in dem Wirtschaftsleben als ein sehr rüstiges und tüchtiges, zugleich aber auch den Creolen gegenüber als ein sehr aggressives und rücksichtsloses Bevölkerungselement. Allmählich schwindet wohl der Vorrat von Energie, den sie mitgebracht haben, auch bei ihnen, erst die Kinder aber werden in jeder Beziehung den Creolen gleich, wie sich dieselben — meist unter dem Einflusse ihrer cubanischen Mütter sowie unter dem Einflusse der Bildungsarmut ihrer spanischen Väter — auch alsbald als solche fühlen.