Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist! Seltsam: ein Päckchen Zigarettenpapier enthält zwischen hundert weissen Blättern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).

Es ist die Hölle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden glaubt.

17. September.—Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Geräusch hervorgebracht.

19. September.—Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich öffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthält nur fünf schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.

In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen. Ich empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf mich, ohne mich zu treffen.

An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien, häuslicher und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl, Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlösser, die Villen, die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann nicht auf den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu denken. Bettler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der grossen Landstrasse besetzt, zu Füssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines Märtyrers kniend.

In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit und Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene Damen, sogar ein Pfarrer.

Ganz in unserer Nähe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt für gefallene Mädchen dient. Es ist ein wahres Gefängnis und hat die strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Kälte, müssen die Büsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen; und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Füsse und Hände mit aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.

Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mönch gesündigt hat, und das ist eine Todsünde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung getrieben, läuft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die Beichte und Abendmahl. Für ihre Todsünde sei sie verdammt! Da verliert die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer ist, während ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Man erzählt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war, dass der Unglückliche seine Persönlichkeit änderte: er war durch den bösen Geist gezwungen, Gotteslästerungen auszustossen, trotzdem ihm das den grössten Widerwillen einflösste. Nachdem man lange einen Beschwörer gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfräulich und von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten und Bussübungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, führt man den Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo. Dann macht sich der junge Mönch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum Abend betet und beschwört, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben. Unter welchen Umständen der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten Zuschauer nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr darauf starb der Franziskaner.