Und ich spreche!

—Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise "Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben, des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen, dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht, Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung, und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten; dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen, und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein, statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche, Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege geht.

Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in "Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern, dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll, imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut. Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke, lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst, während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen mich nie geschont haben.

Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann, zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat. Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie, und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient, wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt Antwort!

Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehört hatte, antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in einer Atmosphäre zurücklassend, die nach Phenol stank.

Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit wütend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer auftauchen, wenn es zu spät ist; und nun rollt sich eine ganze lange Rede auf, während mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf jeden Fall zugehört, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf Gründe zu hören, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwägen, deren Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu überzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.

Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein Gemüt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine bewegliche Habe, Bücher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen; gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der Wüste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder ist es Hiob? "Meine Nächsten haben mich verlassen, und meine Freunde haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und meine Bitten erreichen nicht die Söhne meiner Mutter. Verachten mich auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den Leuten, und ich bin ein Saitenspiel für sie geworden. Ich treffe nur Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, während sie meine Seele stechen. Meine Haut bricht und löst sich auf. Wenn ich sage: Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so erschreckst du mich mit Träumen und beunruhigst mich mit Gesichten."

Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Träume und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein Überschuss auf meine Rechnung: ich habe die äussersten Qualen ertragen, als zwingende Umstände, die von den Mächten gelenkt wurden, mich nötigten, die einfachsten Pflichten eines Mannes unerfüllt zu lassen: seine Kinder zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre, für mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch überwand ich die Versuchung, mich selbst zu töten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.

Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich der Gnade nicht würdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit geniessen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker und mich schliesslich als ein tüchtiger erwiesen, indem ich mich selbst hinrichtete, öffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrüsst haben.

Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrüchen, die mich wahllos getroffen haben, nicht Güte habe finden können, sondern Übelwollen, bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe, die Güte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit Zärtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!