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Canossa.

Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon längst eine sorgfältige Prüfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem neuen Programm, mir selbst dem Nächsten gegenüber unrecht zu geben, finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich vor meiner eigenen Persönlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion, Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt bestraft worden ist, und ich nehme zurück."

Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die Gegner meiner umstürzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der Sittlichkeit, des Staates, der Religion, können die denn nachts schlafen, haben die Mächte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen Angelegenheiten geschenkt?"

Wenn ich einer Musterung der Stützen der Gesellschaft und ihrer Geschicke anstelle, bin ich genötigt zu antworten: nein!

Der tapfere Vorkämpfer für das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter für die zuverlässigen und guten Mitbürger, er kann des Nachts nicht schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn mit Anfällen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der Salpétrière bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich, und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen Jahren auf geschäftliche Spekulationen einliess; die hätten ihn beinahe in eine entblösste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu erinnern, denn es vergrössert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch führen.

Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefängnis bringen wollte für Lästerungen, ist selbst in Haft genommen wegen betrügerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine Lästerungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrübt, nicht mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu können, angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.

Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer Flügel nahm, die Freundin der unterdrückten Frauen, die Prophetin, die in feurigen und aufrichtigen Vorträgen den jungen Männern das Cölibat predigte?

Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausläuft. Erbaulich, nicht wahr?

Was die anderen Stützen der moralischen und religiösen Ordnung betrifft, so übergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglücksbringendem Verhör das Feld geräumt haben.