SAPPHO
(Erika von Wagner gewidmet)
Soll die „Sappho“ von einer reifen Künstlerin gespielt werden oder von einer jungen?!
Von einer jungen Reifen! Von einer reifen Jungen!
Sappho soll von dem Herrn Phaon und dem Fräulein Melitta nicht sekiert, gedemütigt, gemartert und stehen gelassen werden, weil sie eine alte Schachtel ist mit seelischen und noch anderen Ansprüchen, sondern nur deshalb, weil sie eine Dichterin ist, also ein höherer Organismus, der von den kriechenden Lebenstierchen deshalb allein eben stets und überall mißverstanden, gemieden, gedemütigt und verraten wird!
Sappho muß wegen ihrer hoheitsvollen Art zu denken, zu fühlen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu schweigen, einen peinlichen drückenden Respekt einflößen, den die Armseligen eben nicht lange aushalten! Man verrate sie um ihrer ewigen inneren Jugend, nicht um ihres äußeren Alterns willen!
Sie werde gespielt von einer Jungen, Reifen! Sollen wir vielleicht das Gefühl haben, daß eine alte zudringliche Gedichtemacherin und Harfenklimperin zwei frische fesche Menschenkinder belästigt und stört in ihrem berechtigten Lebensglücke?! Nein, wir müssen durch des Dichters Grillparzer Gnade und des adeligen Jugendprangens der Darstellerin auf seiten Sapphos stehen! Gegen das, ha ha, Liebespaar, Phaon und Melitta! Verräter sind sie, weil sie armselig sind!