MEIN BRUDER

Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu schreiben. Aber da er außerdem ein „Lebenskünstler“ ist feinster Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft. Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal, in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für „Korkmundstück“, da „trocken zu rauchen“ eine Aufgabe des modernen kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, nur nicht die Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie so trocken sein wie anfangs in der Schachtel, nur natürlich verkürzter um das, was man weggeraucht hat!

Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche Marlitt-Utensilien nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie in der Seele, und vor allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken, die es um mich herum gibt — — —!