DIE URGROSSMUTTER

von Anna Lesznai

(Muster eines gänzlich unverschmockten, verständlichen und dennoch tiefen, einfachen, modernen und dennoch ewig alten Gedichtes!)

Auf vergeßnem Gottesacker ruht mein Ahnchen wurmzerfressen —

selbst die dunkle Ammensage hat den Namen längst vergessen.

Wo du wohntest, Urgroßmutter? Hinterm Berg, im neunten Hage

muß ein weißes Häuschen stehen — da erschöpftest du die Tage.

Warst vielleicht ein Krämerweibchen — und in einem dumpfen Laden,

zwischen Mehl, Kattun und Pfeffer lebtest du in Staub und Schwaden.

Dicht am Laden noch die Schenke; wie sich auch die Sonne wende

immer regten sich die starken, arbeitsamen beiden Hände.

Hat der Größern Schar gefuttert, wollt der Säugling just erwachen —

hieß es rasch im Laden rechnen und den Zechern zuzulachen.

Schwere Stunden, stumme Stunden ging dein Leben ohne Säumen —

kanntest nicht die holde Liebe, hattest keine Zeit, zu träumen.

Niemand weiß von dir zu sagen. Nichts als deine armen, blassen,

ungeträumten Träume hast du mir als Erbe hinterlassen.

In dem dunkeln, dumpfen Laden, still in deiner Seele Tiefen

wuchsen süße Frauenwünsche, die den lauten Tag verschliefen

mit den seidnen Festtagskleidern und dem selbstgewobnen Linnen

schlossest du sie in die Truhe, für die späten Enkelinnen.

Ich, die junge Urgucktochter, darf die reiche Truhe leeren,

Urguckahnchens Träume spinnen und von deiner Sehnsucht zehren.

Rosen längst vergeßner Lenze blühen mir zum Feiertage,

weil ich meiner Urgroßmutter ungelebte Liebe in mir trage.

Genehmigte Übersetzung von Roda Roda.