III.

Ein paar Wochen später. – Drei oder vier Tage lang empfing Alonzo alle paar Stunden den Besuch eines sehr schmuck und gottesfürchtig aussehenden Geistlichen, der auf einem Auge schielte; nach seiner Visitenkarte war er der hochwürdige Melton Hargrave aus Cincinnati. Er sagte, er habe sich ›seiner Gesundheit wegen‹ von der Seelsorge zurückgezogen; wenn er gesagt hätte: ›wegen seiner Kränklichkeit‹, würde ihn sein gesundes Aussehen und sein kräftiger Körperbau stark Lügen gestraft haben. Er stellte sich als Erfinder einer Verbesserung an Telephonen vor, der durch Verkauf des bezüglichen Patents sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen hoffte. »Heutzutage,« sagte er, »kann jeder, der Lust hat, einen Telegraphendraht anzapfen, welcher ein Lied oder ein Konzert aus einem Staate in einen andern leitet, sein eigenes Telephon daranhängen und diebisch jene Musik anhören, während sie vorübergleitet. Meine Erfindung wird dem ein Ende machen.«

»Nun,« antwortete Alonzo, »was kann dem Eigentümer der Musik daran liegen, wenn ihm der Diebstahl nichts schadet?«

»Nichts,« sagte der Hochwürdige.

»Nun, also?« sagte Alonzo fragend.

»Angenommen aber,« antwortete der Hochwürdige, – »angenommen, daß statt der Musik, die im Vorübergleiten gestohlen werden kann, der Draht Liebeszärtlichkeiten geheimster und heiligster Natur aussendet?«

Alonzo schauderte vom Scheitel bis zur Zehe. »Mein Herr, ich verstehe, Ihre Erfindung ist unbezahlbar; ich muß sie haben – um jeden Preis.«

Aber die Erfindung, welche aus Cincinnati bestellt war, wollte nicht eintreffen. Alonzo verging vor Ungeduld: der Gedanke, daß Rosannahs liebe Worte von irgend einem elenden Neugierigen geteilt würden, war ihm eine Folter. Der Hochwürdige kam häufig und beklagte den Verzug und sprach von Maßregeln, die er getroffen, um die Ankunft zu beschleunigen. Das war ein kleiner Trost für Alonzo.

Eines Vormittags stieg der Hochwürdige die Treppe hinan und klopfte an Alonzos Thür: es erfolgte keine Antwort. Er trat ein, blickte forschend umher und eilte dann zum Telephon. Die ausnehmend sanften fernen Töne des ›Sweet By-and-By‹ fluteten durch das Instrument. Die Sängerin nahm wie gewöhnlich die fünf Noten, die den beiden ersten im Chor folgten, um einen halben Ton zu tief, als der Hochwürdige sie – in einer Stimme, welche diejenige Alonzos täuschend, nur mit einem entfernten Anflug von Ungeduld, nachahmte – plötzlich unterbrach:

»Mein Schatz?«

»Ja, Alonzo?«

»Bitte, singe das in dieser Woche nicht mehr, – probiere etwas Modernes.«

Ein leichter Schritt, wie er zu einem glücklichen Herzen paßt, wurde jetzt auf der Treppe hörbar, worauf der Hochwürdige teuflisch lächelnd rasch Zuflucht hinter den schweren Falten der sammetnen Fenstervorhänge suchte. Alonzo trat ein, flog zum Telephon und sagte:

»Liebste Rosannah, wollen wir zusammen singen?«

»Etwas Modernes?« gab sie mit sarkastischer Bitterkeit zurück.

»Ja, wenn dir's recht ist!«

»Singen Sie's selbst, wenn es Ihnen beliebt!«

Dieses schnippische Wesen verblüffte und verletzte den jungen Mann. Er sagte: –

»Rosannah, das sah dir nicht ähnlich.«

»Ich denke, es steht mir ebenso wohl an, als Ihre höfliche Rede Ihnen anstand, Herr Fitz Clarence.«

»Herr Fitz Clarence! Rosannah, es lag nichts Unhöfliches in meinen Worten.«

»O, wirklich! Dann habe ich Sie natürlich falsch verstanden und muß Sie demütig um Verzeihung bitten, ha – ha – ha! Ohne Zweifel sagten Sie: ›Singe es heute nicht mehr.‹«

»Singe heute – was nicht mehr?«

»Natürlich das Lied, das Sie erwähnten. Wie begriffsstutzig wir plötzlich sind!«

»Ich erwähnte gar kein Lied.«

»O, wirklich nicht?«

»Nein, wirklich nicht!«

»Ich sehe mich zu der Bemerkung gezwungen, daß Sie es thaten

»Und ich sehe mich nochmals zu der Erklärung gezwungen, daß ich's nicht that.«

»Eine zweite Grobheit! Das genügt, mein Herr. Ich werde Ihnen nie vergeben: alles ist aus zwischen uns.«

Dann hörte man ein verhaltenes Schluchzen. Alonzo sagte hastig:

»O, Rosannah, nimm diese Worte zurück! Dahinter steckt ein schreckliches Geheimnis, irgend ein entsetzliches Mißverständnis. Im vollen Ernst und ganz aufrichtig gesagt, ich habe nichts von einem Lied erwähnt. Ich möchte dich um alles in der Welt nicht verletzen … Rosannah, Liebste? … O, sprich mit mir, ich bitte dich!«

Es folgte eine Pause; dann hörte Alonzo des Mädchens Schluchzen wie aus weiter Ferne; sie hatte sich vom Telephon zurückgezogen. Er erhob sich mit einem schweren Seufzer und eilte aus dem Zimmer, vor sich hinmurmelnd: »Ich muß meine Mutter aufsuchen. Sie wird ihr hoffentlich die Ueberzeugung beibringen, daß ich sie nicht verletzen wollte.«

Eine Minute später krümmte sich der Ehrwürdige über das Telephon, wie eine Katze, welche die Wege ihrer Beute kennt. Er brauchte nicht lange zu warten; nach einigen Minuten hörte man eine sanfte, bereuende, von Thränen zitternde Stimme sagen:

»Lieber Alonzo, ich hatte unrecht; du kannst etwas so Grausames nicht gesagt haben. Es muß jemand gewesen sein, der deine Stimme im Scherz oder aus Bosheit nachahmte.«

Der Hochwürdige antwortete kalt in Alonzos Stimme:

»Sie haben gesagt, daß alles zwischen uns vorüber ist; und so sei es. Ich verschmähe Ihre angebotene Reue und verachte Sie!«

Dann entfernte er sich, strahlend vor Triumph, um nie mehr mit seiner vorgeblichen Telephonverbesserung zurückzukehren.

Vier Stunden später kam Alonzo, der seine Mutter bei Bekannten hatte suchen müssen, zurück. Sie riefen ihre Angehörigen in San Francisco an, aber es erfolgte keine Antwort. Sie warteten und warteten am sprachlosen Telephon.

Endlich, als in San Francisco die Sonne unterging, drei und eine halbe Stunde nach der Dämmerung in Eastport, erfolgte eine Antwort auf den oft wiederholten Ruf: ›Rosannah!‹

Aber ach! es war Tante Susannes Stimme, die sprach:

»War den ganzen Tag nicht zu Hause; bin eben heimgekehrt. Will sie sogleich aufsuchen.«

Die Harrenden warteten zwei – fünf – zehn Minuten; dann kamen in erschrockenem Ton folgende verhängnisvolle Worte: –

»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige Freundin zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem Tisch in ihrem Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: ›Ich bin gegangen; forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; ihr werdet mich nimmer wiedersehen. Sagt ihm, ich werde immer an ihn denken, wenn ich mein armes ›Sweet By-and-By‹ singe, nie aber an die unfreundlichen Worte, die er darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo, was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?«

Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine Mutter zog die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster. Die kalte Luft erfrischte den Leidenden, und er erzählte seiner Tante seine trübselige Geschichte. Mittlerweile besichtigte seine Mutter eine Visitenkarte, die auf dem Fußboden zum Vorschein gekommen war, als sie die Vorhänge zurückzog. Auf der Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco.

»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den falschen Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte erklärte alles, denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen Bekenntnisse einander alles erzählt von den Liebsten, die sie je gehabt, und all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig verdammt – das ist bei Liebenden so Brauch: es hat einen eigenen Reiz für sie, und er kommt gleich nach dem des Girrens und Schnäbelns.