I.

Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt, den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit aufdrückte. Er sagte:

Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein Geschenk zu senden – nach orientalischen Begriffen der einzig sichere Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was konnte sich dazu besser eignen, als ein weißer Elefant? Da ich eine angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres verlangten Schonung.

Vierzehn Tage lang ging alles gut – dann begannen meine Nöte. Der weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich einzuschlagen hatte – für einen vernünftigen Menschen konnte es in der That nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich nach New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungenem Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine Sache vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja – machte sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz an und sagte ruhig:

»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.«

Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am andern Ende des Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und daß sein Plan fertig sei. Er sprach – seine Stimme war leise und eindringlich –:

»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen; jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird. Und die Sache muß verschwiegen bleiben – tiefes, unverbrüchliches Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten, was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien. »Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.« Der Jüngling verschwand. »Und nun zur Sache – und das systematisch. In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und genaue Methode.«

Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun! – der Name des Elefanten?«

»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«

»Sehr gut. Rufname?«

»Jumbo.«

»Sehr gut. Geburtsort?«

»Die Hauptstadt von Siam.«

»Eltern lebend?«

»Nein – tot.«

»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«

»Nein, er war der einzige Sohn.«

»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte, beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit aus, sei sie auch noch so unbedeutend – d. h. unbedeutend von Ihrem Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs giebt es keine unbedeutenden Einzelheiten.«

Ich beschrieb und er schrieb nieder; als ich zu Ende war, sagte er:

»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe.«

Er las wie folgt:

»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß; Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Stoßzähne 9½ Fuß; Ohren, im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«

Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich die Beschreibung ein und sagte:

»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.«

Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:

»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht so trägt.« Er schellte.

»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«

Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte:

»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen Sie?«

»Welche Summe würden Sie mir raten?«

»Vorerst würde ich sagen – nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt tausend Gelegenheiten zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und Helfershelfer.« – –

»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«

Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte Erwiderung:

»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch nicht. Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder Uhrenabzwicker zu thun, darauf können Sie Gift nehmen – dieser Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen, und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden, mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man immerhin damit anfangen.«

So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig dienen konnte:

»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und wieviel?«

»Was er frißt? – einfach alles! Er frißt einen Menschen, er frißt eine Bibel – er frißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.«

»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details – Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch sind, zu einer Mahlzeit oder – sagen wir – während eines Tages verzehren?«

»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.«

»Sehr gut – fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat er am liebsten?«

»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.«

»Sehr gut – nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer Mahlzeit brauchen?«

»Eine ganze Auflage.«

»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder die illustrierte Familienbibel?«

»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde – d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.«

»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf das Gewicht an. Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund, während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel Dorébibeln würde er wohl auf einmal verzehren?«

»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als man ihm giebt.«

»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in Juchtenleder gebunden …«

»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen – sagen wir, eine Auflage von fünfhundert Exemplaren.«

»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt gerne Menschen und Bibeln – das hätten wir! Was frißt er sonst? Ich brauche Details.«

»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine Backsteine, so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er Kleider; hat er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine Katzen, so frißt er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln, Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.«

»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«

»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«

»Und er säuft – –«

»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup, Kastoröl, Kamphergeist, Karbolsäure – es ist unnütz, auf Einzelheiten einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.«

»Sehr gut. Quantität?«

»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter – sein Durst schwankt, sein Appetit wenig.«

»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und sehr dienlich zu seiner Aufspürung.«

Er schellte.

»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.«

Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen gewöhnt ist:

»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey, Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers, Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie eine starke Wache – eine Wache von dreißig auserlesenen Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann – an den Ort, wo der Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag und Nacht und niemand – Reporter ausgenommen – ohne schriftliche Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen, Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus Jersey City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu durchsuchen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden Fahrzeuge genau zu visitieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und benachrichtige mich telegraphisch.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden werden sollte – Fußspuren oder dergleichen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu patroullieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab – nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen entziffern lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen – hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Nun können Sie gehen!«

»Sehr wohl, Sir« – und fort war er.

Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu mir und sagte in ruhigem Ton:

»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; aber wir werden den Elefanten finden.«

Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm – der Dank kam von Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging nach Hause – mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war.