Die kleine Uhr
Nikolai Apollonowitsch begleitete seine Mutter zum Hotel und ging dann — auf die Moika; kein Licht in den Fenstern: die Lichutins waren also nicht zu Hause; es war nichts zu machen, so ging er also seiner Wohnung zu.
Humpelnd erreichte er sein Schlafzimmer; da blieb er im völligen Dunkel stehen: Schatten, Schatten, Schatten; das Licht der Laterne spannte ein Schleiernetz aus hellen Flecken auf die Zimmerdecke; mechanisch zündete er eine Kerze an; dann nahm er seine Uhr aus der Tasche; zerstreut sah er auf sie hin: es war drei Uhr.
Jetzt erhob sich in ihm alles von neuem.
Er fühlte: er hat seine Angst nicht überwunden; die Sicherheit, die ihn den ganzen Abend aufrechterhalten hatte, schwand plötzlich; alles begann zu schwanken; er wollte Brom einnehmen; doch war keins da; er wollte die Offenbarungen lesen; das Buch war weg; in diesem Augenblick vernahm sein Ohr deutlich einen beunruhigenden Laut: Tick tack, tick tack . . . Leise tönte es. Die Sardinenbüchse?
Dieser Gedanke befestigte sich in ihm immer mehr.
»Pepp Peppowitsch Pepp . . . Pepp . . .«
Um Nikolai Apollonowitsch wurde es immer kälter; kalte Winde wehten ihm in die Stirn; gleich wird die gewaltige, rasch wachsende Kugel zerspringen und dann — wird alles ganz einfach sein.
Die kleine Uhr aber tickte weiter.
Nikolai Apollonowitsch horchte angestrengt: der Laut verfolgte ihn; er suchte nach der Stelle, von der er herkam; leise auftretend — nur die Schuhsohlen knarrten — näherte er sich dem Tisch; das Ticken wurde deutlicher; als er aber dicht an den Tisch herankam, verstummte der Laut plötzlich.
»Tick tack« — kam es jetzt leise aus der entlegenen Schattenecke; er schlich sich nun vom Tisch in die Ecke; Schatten, Schatten, Schatten; Grabesstille . . .
Nikolai Apollonowitsch rannte keuchend hin und her zwischen den tanzenden Schatten, sich bemühend, den neckisch ausweichenden Laut zu erhaschen (so haschen Kinder mit Fangnetzen nach gelben Schmetterlingen).
Jetzt hat er’s: dort ist die Stelle, von der der sonderbare Laut kam; ganz deutlich wird das Ticken; noch einen Augenblick und er hat’s.
Wo aber? wo, wo?
Plötzlich fand er den Punkt, von dem aus sich der Laut ausbreitete: dieser Punkt war sein eigener Bauch.
Erst jetzt bemerkte Nikolai Apollonowitsch, daß er vor dem Nachttischchen stand, auf dem, gerade auf der Höhe seines Bauches, seine Taschenuhr lag . . . Zerstreut sah er auf sie hin: sie zeigte die vierte Nachtstunde.
Nun kehrte er wieder in seinen Rahmen zurück: Leutnant Lichutin hatte die verfluchte Bombe weggetragen; das Deliriumgefühl verlor sich, rasch warf er den Salonanzug von sich ab; mit wonnigem Gefühl befreite er sich aus der Stärke der Wäsche: riß Kragen und Hemd herunter; dann zog er die Unterhose aus: das Bein zeigte neben dem Knie eine blutunterlaufene Stelle; das Knie war ein wenig geschwollen; endlich steckten auch die Beine unter der weißen Decke; sinnend lag er, den Kopf auf den Arm gestützt; das weiße Märtyrergesicht zeichnete sich deutlich auf dem weißen Linnen.
Und dann erlosch das Licht.
Die Uhr tickte; ihn umfing vollständige Dunkelheit; im Dunkeln begann das Ticken wie ein von einer Blume losgelöster Falter durchs Zimmer zu hüpfen: bald war es da, bald dort; und seine Gedanken tickten mit; an verschiedenen Stellen des entzündeten Körpers pulsierten die Gedanken: am Hals, in der Kehle, in den Armen, im Kopf.
Einander überholend rasten die Pulse durch den Körper. Es waren Schwärme sich selbst denkender Gedanken.
Und es tickt doch, es tickt . . .
Ein anderer folgte . . .
Der freie Gedanke klammerte sich an etwas, was das Hirn bewußt verwahrt: die Sardinenbüchse ist hier, die Sardinenbüchse ist hier; in ihr bewegt sich kreisend der kleine Zeiger; der Zeiger wird müde: er nähert sich dem verhängnisvollen Punkt (dieser Punkt ist schon nahe). . .
und ein Donnern ertönt, das du vielleicht nicht einmal hören wirst; denn ehe es das Trommelfell deines Ohrs erreicht, wird dein Trommelfell zerrissen sein (und manches andere auch) —
— Mit Wahnsinnsbewegung sprang da Nikolai Apollonowitsch aus dem Bette: die Pulse übertönten die selbstdenkenden Gedanken; die Pulse hüpften nicht mehr, sie schlugen wild: in den Schläfen, am Hals, in der Kehle, in den Händen und . . . überall außerhalb dieser Organe.
Barfüßig patschte er durchs Zimmer, doch statt zur Tür geriet er in die Ecke.
Der Morgen wartete, grau.
Er schlüpfte rasch in die Unterhose und schlich in den dunkeln Korridor: warum, warum? Ach, ganz einfach, er fürchtete sich . . . Er wurde von tierischer Angst für sein eigenes, kostbares Leben erfaßt; aus dem Korridor ins Zimmer zurück konnte er nicht mehr; wieder in sein Zimmer hineinzugehen, dazu fehlte ihm — der Mut; nach der Bombe zu suchen hatte er weder Zeit noch Kraft; in seinem Kopf hatte sich alles verwirrt, er konnte sich nicht mehr genau der Stunde erinnern, wann die Frist abläuft: jeder Augenblick konnte der verhängnisvolle sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bis zum Tagesanbruch hier im Korridor, zitternd, zu kauern.
Er näherte sich einer Ecke und hockte sich nieder.
Die Augenblicke rannen langsam; Minuten schienen ihm Stunden; und viele Hunderte von Stunden flossen da hin; der Korridor wurde bläulich; der Korridor wurde grau: der helle Tag begann.
Nikolai Apollonowitsch überzeugte sich immer mehr von der Unsinnigkeit der selbstdenkenden Gedanken; diese Gedanken hatten jetzt plötzlich ihren Sitz in seinem Gehirn und das Gehirn verarbeitete sie; als er sich sagte, die Frist sei nun schon längst abgelaufen, stellte sich von selbst die Version ein: Lichutin habe die Sardinenbüchse weggetragen, und dies umgab ihn mit dem Duft wonnigster Bilder; und Nikolai Apollonowitsch, im Korridor kauernd, verfiel — sei’s aus dem Gefühl der Sicherheit, sei’s aus Müdigkeit — in sanften — Schlummer.
Die Berührung von etwas Feuchtem an seiner Stirn brachte ihn wieder zu sich; er schlug die Augen auf und erblickte — die speichelbedeckte Schnauze der Bulldogge; schnaufend und wedelnd stand die Bulldogge vor ihm; gleichgültig stieß er den Hund von sich; von neuem in das Frühere verfallend war er daran, das unbestimmte Etwas fortzuspinnen, mit Spiralen und Kreisen zu spielen, in der Erwartung daß es ihm dabei gelänge, irgendeine Entdeckung zu machen. Plötzlich kam ihm deutlich zum Bewußtsein: wieso ist er hier?
Wieso ist er im Korridor?
Im Halbschlaf schleppte er sich in sein Zimmer zurück, und während er sich seinem Bette näherte, beschäftigten sich seine halb vom Schlaf umfangenen Gedanken noch immer mit den Kreisen und Spiralen . . .
Da krachte es: er begriff alles.
— Später.
— An langen Winterabenden erinnerte sich Nikolai Apollonowitsch oft an dieses grauenhafte Krachen; es war etwas ganz Besonderes in ihm, mit nichts Vergleichbares; betäubend, und doch nicht allzu laut; betäubend und — dumpf: mit metallischer, tiefer, dunkler Note; dann war es totenstill.
Bald darauf ertönten Stimmen; unregelmäßige Schritte nackter Füße wurden hörbar und das leise Heulen der Bulldogge; die Telephonglocke schrillte; Nikolai Apollonowitsch entschloß sich endlich, die Tür seines Zimmers zu öffnen; ein kalter Luftstrom schlug ihm gegen die Brust; sein Zimmer war erfüllt mit zitronengelbem Rauch; er schritt weiter durch den Rauch und plötzlich stolperte er an einem Stück Holz; eher das Gefühl als der Verstand sagte ihm, daß es ein abgespaltetes Stück von einer Tür war.
Hier ein Haufen Mauersteine; da Schatten von Menschen, die durch den Rauch rennen; angebrannte Fetzen von einem Teppich . . . Wie kommen die her? Einer der Schatten, aus dem Rauchvorhang vortretend, brüllte ihn an:
»He, was stehst du da herum: siehst du nicht, was für ein Unglück im Hause passiert ist?«
Eine zweite Stimme rief:
»Diese Schufte sollte man! . . .«
»Das bin ich . . .« versuchte er zu sagen.
Er wurde unterbrochen.
»Eine Bombe! . . .«
»Ooh . . .«
»Jawohl, eine richtige . . . geplatzt ist sie . . .«
— ?
»Im Zimmer von Apollon Apollonowitsch . . .«
— ?
»Ist Gott sei Dank — unverletzt geblieben . . .«
Wir erinnern unseren Leser: Apollon Apollonowitsch hatte ja die Sardinenbüchse, ohne ihr besondere Beachtung zu schenken, aus dem Zimmer des Sohnes in das seine getragen; dann hatte er sie völlig vergessen; er ahnte selbstverständlich nicht, welchen Inhalt sie barg.
Nikolai Apollonowitsch eilte zu der Stelle, wo soeben noch eine Tür, jetzt aber nur eine mächtige Öffnung war, aus der sich Rauchknäule wälzten . . .
Ohne zu wissen warum, lief Nikolai Apollonowitsch von der gähnenden Öffnung zurück und sah sich — er wußte nicht, wo . . . —
Auf dem schneeweißen Bett (direkt auf dem Kopfkissen!) hockte Apollon Apollonowitsch, die nackten Beine an die haarige Brust gedrückt; er war nur mit
dem Nachthemd bekleidet; er hielt mit den Armen die Knie umklammert und — weinte, nein, heulte herzzerbrechend; in der Verwirrung wurde er völlig vergessen; keiner der Diener war bei ihm, nicht einmal Ssemjonytsch; niemand war da, um ihn zu beruhigen; ganz allein, mutterseelenallein saß er da und . . . seine Stimme klang schon ganz heiser . . . —
Nikolai Apollonowitsch sprang zu dem hilflosen Körper hinzu, wie die Amme zu der hingefallenen ihr anvertrauten Dreijährigen hinzuspringt, die sie unbeachtet mitten auf der Landstraße sitzengelassen hatte; doch beim Herannahen des Sohnes machte der kleine hilflose Körper einen jähen Sprung auf seinem Kissen und begann mit den Armen zu fuchteln: mit einem unbeschreiblichen Grauen und unkindlicher Heftigkeit.
Und mit einem einzigen flinken Satz war er bei der Tür und verschwand.
Nikolai Apollonowitsch ihm nach; mit dem Ruf »Halt, halt!« jagte er hinter der kleinen wahnsinnig gewordenen Gestalt her (übrigens: wer von ihnen war der Wahnsinnige?). Beide liefen sie durch den Rauch, an verbrannten Fetzen und gestikulierenden Menschen vorbei, den Korridor entlang; das Nachthemd des Laufenden flatterte in der Luft; die Fersen schimmerten weiß; Nikolai Apollonowitsch hielt mit einer Hand seine Unterhose fest und bemühte sich mit der anderen, den flatternden Rand des väterlichen Nachthemdes zu erhaschen.
Im Laufen rief er:
»So warten Sie doch . . .«
»Wohin, wohin?«
»Aber bleiben Sie doch stehen . . .«
Als Apollon Apollonowitsch die Tür des mit nichts vergleichbaren Raumes erreicht hatte, riß er sie mit unglaublicher Behendigkeit auf und schlüpfte überraschend schnell hinein, in das Innere.
Nikolai Apollonowitsch sprang unwillkürlich erst einen Schritt zurück; vor ihm schwebten: die scharfe Kopfbewegung, die schweißbedeckte Stirn, die Lippen, die Augen, die wie geschmolzener Stein glänzten; aber die Tür wurde zugeschlagen, der Riegel innen vorgeschoben: der Alte hat sich in das unvergleichliche Örtchen geflüchtet.
Nikolai Apollonowitsch begann mit aller Wucht an die Türe zu hämmern, er bat, flehte bis zur Heiserkeit:
»Machen Sie doch auf . . .«
»Öffnen Sie doch . . .«
»Aaa . . . Aaa . . . Aaa . . .«
Erschöpft sank er auf den Boden hin.
Der Kopf fiel ihm auf die schlaff über den Knien hängenden Arme, er verlor das Bewußtsein; die Diener fanden ihn und brachten ihn in sein Zimmer.
Hier setzen wir einen Punkt.
Wir verzichten auf die Beschreibung, wie der Brand gelöscht wurde, wie der Senator während des polizeilichen Vernehmens einen schweren Herzkrampf bekam; ein gleich darauf einberufenes Ärztekonsilium stellte eine Erweiterung der Aorta fest. Ein paar Leute wurden verhaftet, doch wegen Mangels an Beweismaterial nach einiger Zeit wieder freigelassen. Die weitere Untersuchung wurde auf Betreiben des Senators eingestellt und die Sache vertuscht. Während all dieser Zeit lag der Sohn, Nikolai Apollonowitsch, an einem Nervenfieber bewußtlos danieder; als er endlich zu sich kam, sah er sich mit seiner Mutter allein; Apollon Apollonowitsch hatte das lackierte Haus verlassen; er hatte Urlaub genommen und sich auf sein Erbgut zurückgezogen, wo er ohne Unterbrechung den ganzen Winter, hinter den Schneefeldern begraben, zubrachte. Nach Ablauf seines Urlaubs quittierte er definitiv den Dienst. Ehe er die Residenz verließ, hatte er für den Sohn einen Auslandspaß sowie eine beträchtliche Geldsumme zurechtgelegt. Sofja Petrowna Ableuchow begleitete Nikolenka ins Ausland; im Spätsommer erst kehrte sie allein zurück; Nikolai Apollonowitsch ist bis zum Tode seines Vater nicht mehr nach Rußland zurückgekehrt.